Manchmal ist es nicht leicht, ein Mädchen zu sein

Ludovic Jungen spielen Fußball, ärgern Nachbars Hund und rauchen heimlich auf der Toilette. Mädchen spielen mit Puppen, schminken sich und lieben Kleider, genau wie Ludovic.

Ludovic ist ein Junge.

Wenigstens, wenn es nach den Vorstellungen seiner Mitmenschen ginge, denn der Kleine ist sich ganz sicher, ein Mädchen zu sein. Das demonstriert er dann auch überaus deutlich, indem er bereits zur Einweihungsparty der neuen elterlichen Wohnung im rosa Kleid, mit Lippenstift und süßen Ohrringen aus seinem Zimmer die Stufen hinabschreitet...

Eingezogen ist Familie Fabre in eins der schnuckligen Häuser eines anständigen Pariser Vororts, scheinbar fernab jeglicher Schlechtigkeit. Mama, Papa, vier Kinder und lauter nette Nachbarn. Nur der siebenjährige Ludovic scheint nicht so recht in diese kleine Welt zu passen. Wie auch, mit Seidenkleid, Schleier und einem Blumenkranz auf dem Kopf?

So baut sich der Sprößling - ganz sicher, nicht in die ihm zugedachte Rolle hineinzuwachsen - sein eigenes Traumgeflecht aus Phantasien und einer kitschigen Fernsehserie. Dort lebt er den Beginn dessen, was von seiner Umwelt vorerst belächelt, und leidlich als kindliche Identitätssuche abgetan wird: "Ich bin jetzt ein Junge, aber einmal werde ich ein Mädchen sein."

Doch nach und nach stürzt er mit seiner für den Zuschauer rührend naiven Selbstsicherheit vor allem Ludovics Familie Mama Hanna und Papa Pierre in Verzweiflung. Für den Vater ist Ludovics Entschluß, Jerome, den Sohn seines Chefs, zu heiraten, schließlich zuviel der Träumerei. Nachdem er von den Nachbarn offen angefeindet wird, eine Schultheatervorstellung durch seinen Auftritt als Schneewittchen sprengt und am Ende mittels einer Petition verschiedener Eltern von der Schule verwiesen wird, ist auch die Mutter dem Nervenzusammenbruch nahe. Außer Ludovics lebenslustiger Großmutter Elisabeth gibt ihm jeder das Gefühl, ungerecht behandelt zu sein, und stets wird er aus seinen Tagträumen gerissen.

Warum soll er auch anders sein? Ein Mädchen ist doch nicht "anders". Und während er beharrlich daran festhält, ein solches zu sein, nähert sich rings um ihn das Chaos der Ratlosigkeit, Heuchelei und Verletzungen seinem Höhepunkt.

Trotz allem bleibt der Film eine bittersüße Tragikomödie der leisen Töne und voller Poesie, ein wunderschöner Appell an das Verstehen und Lieben des Wortes "anders". Es ist die Suche des kleinen Ludovic nach seinem ganz eigenen Platz in dieser Welt. Noch völlig unbeeindruckt von sozialen Regeln und der "Normalität" ist für ihn nichts endgültig und verbindlich, Traum und Realität Ludovic existieren ohne Grenze. Gerade das ermöglichte es dem Belgier Alain Berliner ein Thema zu verarbeiten, welches sonst fast nur in schrillen Komödien Verwendung findet. Er spielt mit allen Mitteln, die ein sensibler Film zuläßt, verändert so auch die Farben von anfangs freundlichen Tönen zum fast experimentell anmutenden Dunkel. Der Film liefert keine psychologischen Erklärungen oder starre Handlungsschemen, vielmehr steht man als Zuschauer ohne Anleitung direkt vor dem, was jeden, auf welche Art auch immer, berührt - das Anderssein...

Erik

Ma Vie En Rose