Der "Smalltown Boy" ist zurück

Endlich meldet sich Jimmy Somerville zurück. Sein letztes Album "Dare To Love" erschien vor vier Jahren und inzwischen ist eine schwule Generation herangewachsen, die "Smalltown Boy" nur noch aus den Geschichtsbüchern kennt. Sie können kaum noch nachvollziehen, wie außergewöhnlich es vor 15 Jahren war, daß ein kleiner Junge den verblüfften Zuhörern etwas von den Problemen Schwuler beim Coming Out vorsang. In der Zwischenzeit ist der kleine Junge erwachsen geworden, hat sowohl seine Plattenfirma als auch seinen Freund verlassen und veröffentlichte im Juni ein neues Album.

Jimmy Somerville Der Titel Deines Albums ist "Manage the Damage". Was für einen Schaden konntest Du beheben?

Wenn man älter wird, denkt man viel über die Schäden nach, die einem das Leben zugefügt hat. Es ist etwas passiert und vielleicht war es eine schlechte Erfahrung, aber letztendlich kann man doch sagen: es geht mir gut, ich habe es geschafft.

Deine neue Single "Something To Live For" klingt sehr optimistisch...

Auf dem Cover sind einige Männer mit Fußballshirts in einer Bar abgebildet. Eigentlich eine typische Szene, aber auf den T-Shirts sind Medikamente, die zur Kombinationstherapie gehören, genannt. Für viele Betroffene hat sich das Leben durch diese Behandlungsmethode verändert. Sie haben mehr Energie, mehr Hoffnung. Ich wollte dieses optimistische Gefühl in einen Song packen.

Die Cover sind alle sehr untypisch. Was war Deine Absicht?

Ich bin wirklich kein Fußballfan, aber ich fand die Idee gut, weil alle anfangen, Fragen zu stellen. Außerdem sieht man als Schwuler bestimmt einige erotische Elemente, Heteros aber nur ein Fußballspiel. Das Cover von "Lay Down" (die erste Singleauskopplung in England, Anm. der Red.) ist noch erotischer, weil dort zwei Spieler einfach aufeinander liegen. Der Song hat oralen Sex zum Thema. Ein guter Freund hat mir vorgeworfen, daß der Song zu unsafe sei. Ich habe zwar safen Sex, aber diese Fantasien existieren dennoch in mir und warum soll ich darüber keinen Song schreiben? Für einige ist Fußball eine Religion, aber für mich ist Blasen einfach wichtiger.

Bist Du Sportfan?

Ich schaue gerne Sport, vor allem Rugby. Nicht weil die Männer so kräftig sind, sondern weil dieser Sport so etwas Animalisches hat. Es hat sich nicht viel verändert seit den römischen Gladiatoren.

Und wie wichtig ist Dein Aussehen für Dich?

Als ich anfing, ins Fitnessstudio zu gehen, ging es mir zunächst um Selbstvertrauen. Inzwischen glaube ich aber, daß man sich einfach wohler fühlt, wenn man sich fit hält.

Bevorzugst Du ruhige Abende mit Freunden oder bist du lieber in Clubs unterwegs?

Ich mag beides. Was ich aber überhaupt nicht verstehen kann, sind Gay Holidays. Ein exklusiv schwuler Urlaub gleicht für mich der Vorstellung, gestorben und in die Hölle gekommen zu sein.

Das Bombenattentat in Soho war überall in den Nachrichten...

Für mich war es so ein Schock. Ich war zu Hause und die Nachrichten berichteten vom Bombenanschlag. Am Abend zuvor hatte ich eine Mail von Freunden bekommen, die mir sagten, daß ich vorsichtig sein sollte. Sie hätten gehört, daß irgendeine Organisation, mit der der verhaftete Mann ja letztendlich gar nichts Jimmy Somerville zu tun hatte, angekündigt hätte, schwule Lokale oder Persönlichkeiten anzugreifen. Am nächsten Tag sah ich dann die Nachrichten und war geschockt. Es ist einfach unglaublich, daß ein einzelner Mensch soviel Haß in sich tragen kann. Alle in der Bar waren nur Opfer, weil sie gerade dort waren, aber eigentlich waren ja alle Schwulen potentielle Opfer. Das machte mich so wütend und gleichzeitig auch ängstlich, aber es unterstützt mich auch in meiner Einstellung, gegen Diskriminierung vorzugehen. Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht darauf, jemandem das Leben zu nehmen. Niemand hat das Recht, Gott zu spielen.

Du bist schon immer politisch sehr aktiv gewesen. Hast Du gerade ein besonderes Ziel, das Du verfolgst?

Ich bin auch in Glasgow dabei, wo es ein Benefiz-Konzert für Kosovo-Flüchtlinge geben wird. Das ist eine wirklich ernste Angelegenheit.

Juni war der CSD-Monat. Magst Du die Entwicklung von Demonstration zu Party?

Ich finde es großartig. Die politischen Aspekte werden immer ein Teil des CSD bleiben, sie sind doch die Basis der Veranstaltung. Sichtbar zu sein ist das Wichtigste.

Vor einiger Zeit hast Du Dich von Deinem Freund getrennt. Hast Du eine neue Beziehung?

Nein, ich war einfach zu gierig. Das ist mein Problem, ich will nicht nur ein Stück des Kuchens, ich will gleich den ganzen Laden. Wenn man so gierig ist, dann hat man am Ende gar nichts. Das ist mein größtes Problem.

Wie muß Dein Freund denn aussehen?

Er muß sexy sein. Egal wie groß oder dick er ist. Und er muß männlich sein. Irgendwie erfülle ich da alle Klischees, was unglaublich ist, schließlich habe ich mein ganzes Leben lang gegen Klischees gekämpft.

Michael Huber

Jimmy Somerville - Interview