Der Spaß für eine Nacht

So meine Lieben, nun wird es ernst. Gegenpol faßt ein heißes Eisen an – das Thema One-Night-Stand. Jeder weiß, was das ist und die meisten von uns haben wohl schon eigene Erfahrungen damit gemacht – und nicht nur einmal.

Nun, der Begriff One-Night-Stand ist eigentlich irreführend, denn oft reicht das kurze Glück mit der Zufallsbekanntschaft nicht einmal bis zum Frühstück. Manche rauchen sogar die legendäre "Zigarette danach" schon wieder allein oder während der Suche nach einem neuen fremden Körper.

Wenn es um die schnelle Befriedigung der Lust geht, haben wir Schwulen es in gewisser Weise leichter als andere. Es gibt jede Menge Orte, um die uns sicherlich manch Hetero beneiden dürfte, wo man ganz unkompliziert einen anderen kennenlernen kann – und wenn zwei das gleiche wollen, warum nicht...

Es geht hier ja nicht darum, den moralinsauren Zeigefinger zu heben und zu sagen: "das tut ein anständiges Mädchen aber nicht", sondern wir wollen eine Seite schwulen Sexlebens darstellen, wie sie von vielen gelebt wird. Ob und wie Du selbst Spaß an einem One-Night-Stand oder einem Quickie haben willst, ist allein Deine Sache.

Bei Lesben ist, wie es scheint, die schnelle Lustbefriedigung nicht so verbreitet, die lesbische Frau setzt da wohl eher auf Beziehungskisten. Wir brechen nun das Tabu und behaupten einfach: auch Lesben haben One-Night-Stands und genießen die schnelle Nummer. Aber lest einfach selbst, welche Möglichkeiten ihr habt.

Eine Geschichte für 1001 Nacht

Das Rätsel um den lesbischen One-Night-Stand

Lesben lieben Sex. Ich auch. Lustfeindlichkeit ist - fast schon - Geschichte, zwitschert es seit der Erstaufführung von "Airport" und Laura Mérrits innovativen Fuckerware-Parties allenthalben von den Dächern. Versandhauskataloge für Sex-Toys finden sich heute in jeder (un)anständigen Lesben-WG als Klo-Lektüre und Dildos (Verzeihung, natürlich auch Dildas ) in allerlei Formen und Farben als dekorative Elemente in den Schlafzimmern. Wir sollten also meinen, mit der Prüderie habe es so langsam ein Ende.

Nur eine Sache will scheinbar nicht so recht klappen: die Sache mit dem Sex für bloß eine Nacht. Geschweige denn für weniger als eine Nacht. Gibt es sie nun wirklich, die lesbischen One-Night-Stands? Oder sind sie bloß Legende? Ich selbst hatte nie einen (der einer blieb) ... und folglich läßt mich die Aufgabe, diese Sache mit der kurzweiligen Erotik auf Papier zu bannen, ratlos nach Ansatzpunkten suchen.

Selbst eine so anerkannte Autorität wie der "Lesben-Knigge - Ein Ratgeber für alle Liebeslagen" von Celeste West läßt uns in diesem Punkt schmählich im Stich: die Inhalte hangeln sich von "Wo begegnest du ihr?" (vielversprechend), über "Werbe-Verhaltensregeln" und "Romantische Signale" (stutzig machend), "Schlafzimmer-Manieren: Sexuelle Freunden und soziale Gefahren" (ha!) hin zum "Verführungs-Dinner" vor dem "ersten Mal" (alles klar!). Miss Richtig lächelt am Horizont. Im angeschlossenen und ausladenden Beziehungsratgeber erfahren wir bestenfalls noch etwas über den "ehrenwerten Pluralismus" einer Mehrfachbeziehung oder den richtigen Umgang mit der "anderen" Frau, die die lesbische Liebesbeziehung bedroht. Die Autorin setzt demnach voraus, daß das Liebemachen zwischen Lesben längere Vorbereitung und meist auch Nachbereitung erfordert und immer mit romantischen Gefühlen, wenn nicht sogar mit Werbung und Beziehungsanbahnung verbunden ist.

Die Erklärung hierfür läßt sich aus dem Vorwort filtern: "Der weibliche Teil der Bevölkerung hatte noch nie etwas für 'Instant-Sex' übrig." heißt es dort. Statt dessen seien wir Frauen "darin geübt, Sexualität mit Romantik, Sinnlichkeit und Intimität zu bereichern", bezahlen für diese süße aber mit dem bitteren Gefühl der Eifersucht.

Also Tiefgang statt Klappengang, Eifersucht statt Genußsucht. Nix da schneller Sex zwecks unkomplizierter, etiketteloser Lustbefriedigung. Der One-Night-Stand wird sogar verbal in die Schmuddelecke der alkoholisierten Bar-Kultur geschoben: manchmal anonym und dunkel. Auch andere gängige Nachschlagewerke der lesbischen Sexualität geben nicht mehr dazu her. Nur der Tenor ist einhellig: einige von uns leben vielleicht genüßlich promisk, aber die große Menge der Lesben braucht Liebe und Vertrautheit als Grundvoraussetzung für jeder interaktive sexuelle Handlung. hier ist jedes andere Verhalten ein Schritt ab vom Weg, ein vordringen in unerforschtes Territorium: hier seyn Drachen!

Da die behauptete Bindungsmanie schließlich doch nicht alle Lesben davon abhält, die schnelle, unverbindliche Erotik zu versuchen, können wir zumindest vereinzelt auf Erfahrungsberichte zurückgreifen. Nur ... fast alle, die sich neugierig in den Dschungel der Unwägbarkeiten waren, kehren mit enttäuschenden Erfahrungen zurück: die selbstbewußt werbende Tigerin am Rand der Tanzfläche verwandelte sich später im Bett in ein paralysiertes Kaninchen, war aber trotzdem nicht loszuwerden. Oder die attraktive Blonde mit aufregenden Augen flüchtete buchstäblich im letzten Moment - von der Bettkante doch lieber heim zu ihrer rechtmäßig Angetrauten. Es soll auch schon vorgekommen sein, daß sich eine Eroberung als Fall für eine akute Beziehungskrisenberatung entpuppte und statt lustvoll zwischen den Laken dann nächtens über Teetassen mit den Tränen gerungen wurde.

Jene Fälle aber, in denen das One-Night-Stand-Erlebnis nicht enttäuschte, scheinen die aufgestellte Theorie zu bestätigen: erweist sich das erotische Abenteuer als Energieaustausch in rosafarbenen Wolken der Erfüllung, dann - schenken wir den Befragten wirklich Glauben - wird so gut wie immer mehr aus der Geschichte. Hinter der Tür aus der fremden Wohnung lauert schon breit und bräsig das zukünftige Beziehungsdrama, denn in der Regel folgen auf eine liebeshungrige Nacht die 1000 Tage, die die durchschnittlich lesbische Ehe dauert. Kein Wunder, daß Celeste West das lange Beziehungs-Kapitel in ihrem "Lesben-Knigge" mit "Nach dem ersten Frühstück^" überschreibt.

Womöglich beneiden wir Lesben im Grunde unseres Herzens unsere schwulen Brüder um die Neigung zum ungezügelten Sex-Konsum ... und auch um die mannigfachen Gelegenheiten, selbigen ganz unkompliziert zu praktizieren. Vielleicht steuern tatsächlich nicht biologische, sondern kulturelle Mechanismen die lesbische Libido, und wir könnten eigentlich anders, wenn wir nur wollten. Noch immer entzieht sich mir in diesem großen, wohl uralten Rätsel die befriedigenden Antworten.

Donna Colonna

Die schnelle Nummer