Sandkastenspiele in Dresden

Seit Anfang August kann der wie immer zufällige Besucher der Dresdner Wallstraße eine böse Überraschung erleben. Sollte er vom rechten Weg abweichen und eine große Runde laufen, landet er entweder in der Baugrube (macht keiner) oder im Richtung Annenkirche liegenden Wohngebiet (machen viele). Und dort lauert fast jeden Abend auch schon ein Empfangskomitee auf ihn: Eine Wachgesellschaft ist im Auftrag einer der Hauseigentümer, nach unseren Informationen der Wohnbau Nordwest, unterwegs im nächtlichen Kampf für Ruhe und Ordnung.

Wer denn also seinen Fuß auf den geheiligten und im übrigen nicht als solchen gekennzeichneten Privatgrund setzt, wird angehalten und die dann folgende Diskussion reicht bis zum Rufen der Polizei, die dann einen förmlichen Platzverweis ausspricht.

Ganz so sachlich läuft die Geschichte allerdings nicht immer. Die Mitarbeiter der Wachgesellschaft wissen sehr genau, auf welche Zielgruppe zu achten ist. Und ergehen sich dann hemmungslos in betont rüdem Auftreten. Damit es diesen Leuten auch Spaß macht, wird ganz tief im homophoben Schlamm gewühlt mit Sätzen wie: "Ihr Arschficker, einen von Euch hänge ich noch mal im Park auf." Nach solchen Entgleisungen wird aber besser keine Polizei mehr gerufen. Die Auftraggeber für die Aktion sind schon sehr blauäugig bei der Auswahl der Methoden und Mitarbeiter vorgegangen.

Die Polizei tritt jetzt auch mit eigenen Aktivitäten auf den Plan. Massive Streifentätigkeit rund um den Spielplatz, in einer Nacht im Abstand von 15 Minuten, sollen Wirkung zeigen. Bloß welche?

Gehen wir mal ganz sachlich, auch wenn es nach den schwulenfeindlichen Auftritten einiger Wachleute schwerfällt, an diese Situation heran. Das Areal Wallstraße ist durch seine Lage in einer dichten Wohnbebauung sicher nicht ideal. Klar, jeder kann und darf in der Innenstadt mit dem Auto fahren, parken, aussteigen, sich nach anderen umsehen, die gleiches tun. Mir fällt aber so schnell keine Stadt ein, in der vor den Augen Hunderter Anwohner gecruist wird. Dazu kommt, daß sich manche Schwester zwar nicht allein in eine schwule Bar traut, aber wenn man dem Objekt der Begierde habhaft geworden ist, jede Hemmung fallenläßt. Diskretion ist nicht allen gegeben.

Keiner weiß, wie lange die verstärkte Wachsamkeit zum Wohle ruhebedürftiger Anwohner anhalten wird. Es ist an der Zeit, nach einem besseren Cruisingareal zu suchen. Schließlich gibt es in der Stadt mehrere Plätze oder Parks, die ruhig, abgelegen, sicherheitshalber ausreichend hell, trotzdem dark und sogar noch mit Auto erreichbar sind. Es gibt zum Beispiel baumbestandene Wiesen für Bürger, in der Nähe könnte manchem Boy blüher im Park werden, ein ganz großer Garten ist nicht weit und seit Jahrzehnten wird viel für Aufklärung und Hygiene getan - Straßen und Parkplätze inklusive. Und weit und breit keine Anwohner, die ihren Vermieter anstiften, bezahlte Schwulenhasser auf die Straße zu schicken.

Ralf

Wachschutz contra Cruiser