Wir lieben das Leben - 10 Jahre Rosenstolz

Seit fast zehn Jahren mischen Rosenstolz die deutsche Musikszene auf – und sie sind kein bißchen leiser geworden. Im Gegenteil: Seit Anfang September ist ihr neues Album "Kassengift" im Handel (Rezension im Gegenpol August 2000, d. Red.) und in den kommenden Monaten sind AnNa und Peter mit ihrer Tour quer durch die deutschen Städte unterwegs.

Grund genug, sich mit den beiden über das "Kassengift" zu unterhalten. Lest im Interview, welche Titel ihnen besonders viel bedeuten, was uns auf der Tour erwartet und warum in Dresden immer die größten Konzerte stattfinden...

MaN

GP: Eure neue CD ist ganz anders als die vorherigen Alben. Warum habt Ihr Euren Stil so stark verändert?

Peter: Wir haben in diesem Jahr unser Zehnjähriges. Wir wollten das Jubiläum aber nicht großartig zelebrieren, sondern uns sozusagen "neu erfinden".

AnNa: Ja, wir wollten uns einfach mal runderneuern.

GP: Ist dieses Album etwas Einmaliges oder orientiert Ihr Euch jetzt dauerhaft musikalisch neu?

Peter: Wir wollen das Publikum immer wieder neu überraschen. Deswegen sind uns Songs wie "Kassengift" oder "Amo vitam" besonders nahe und besonders wichtig. Wie das nächste Album dann klingen wird, werden wir erst wissen, wenn wir daran arbeiten.

GP: Aber Ihr geht damit ja auch ein Risiko ein. Ihr nutzt auf dem neuen Album viel mehr Elektronik als früher. Es kann doch sein, daß Ihr damit einige Fans verliert...

Peter: Das glaube ich nicht. Denn es sind weiterhin die Melodien und AnNas Stimme, die unsere Musik tragen. Deswegen denke ich, daß sich die Fans auf jeden Fall in das "Kassengift" hineinhören werden. Es gibt in unserer Musik jetzt viel mehr zu entdecken als früher, es passiert viel mehr. Ich glaube, daß unsere Fans den Weg mitgehen werden. Ganz sicher.

GP: Ihr habt dieses Mal auch zwei fremdsprachige Titel eingespielt. Das ist für Euch doch etwas komplett Neues.

Peter: Der englische Titel "Total Eclipse" ist eine Coverversion. Das hat im Original Klaus Nomi gesungen. Er war das erste prominente AIDS-Opfer. AnNa und ich verehren ihn und seine Musik sehr. Bereits bei unserem ersten Album wollten wir ihn covern, aber dann dachten wir, das kann man nicht machen, er ist eine Legende. Dieses Mal haben wir uns aber getraut. Es soll eine Verbeugung vor ihm sein.

AnNa: Der zweite Titel ist "Amo vitam". Hier war zuerst nur die Melodie da, die sich wellenförmig aufrollt und immer mehr verstärkt. Der Text in Deutsch war auch schon da: "Ich liebe das Leben, ich liebe den Sex, doch warum bin ich einsam". Dann dachten wir, in Deutsch kann man das nicht bringen. Es ist nicht besonders poetisch und auf diese Melodie klingt es einfach nicht. Dann hätte es eigentlich Italienisch oder Spanisch sein können, theoretisch, aber Peter kam schließlich auf die wahnwitzige Idee, es auf Latein machen zu wollen...

GP: Welche Titel auf der neuen CD bedeuten Euch persönlich am meisten?

Peter: Für mich ist es natürlich "Amo vitam", weil es den Sound für das neue Album kreiert hat. William Orbit ist jemand, den AnNa und ich sehr bewundern. Sein Stil hat ein wenig die Richtung bestimmt. Und mein Lieblingslied ist persönlich "Bastard".

AnNa: Auch "Amo vitam" und dann mag ich noch ganz besonders die "Schwarze Witwe" und dann mag ich noch ganz dolle gerne "Kassengift" und "Mir graut's vor diesen Leuten" und "Septembergrau" und... (lacht)

GP: Also eigentlich alle.

AnNa: Ja.

GP: Habt Ihr in den Texten persönliche Erfahrungen verarbeitet?

Peter: Es stecken nur persönliche Erfahrungen drin, weil das einfach die vergangenen dreizehn Monate unseres Lebens waren. Alle Songs sind sehr persönlich. Gerade bei dem depressiven Block, wie "Achterbahn", "Es ist vorbei" und "Engel der Schwermut" - das sind nur Erfahrungen, die wir selbst gemacht haben.

GP: Die Themen in Euren Texten haben sich gegenüber früher auch verändert. Sonst ging es oft hauptsächlich um Sex, Liebe und Einsamkeit.

Peter: Wir wollten tiefgründiger werden, weil das einfach unsere Gefühle sind. Und wir glauben, daß wir etwas zu sagen haben und es deshalb auch endlich tun. Es dreht sich jetzt viel um den Sinn des Lebens. Das ist eine schmerzhafte Erfahrung, die jeder machen muß. Daß man zum Beispiel eines Tages feststellt, die Clique, mit der ich mich zehn Jahre umgeben habe, das ist nicht mehr so wie früher, es muß etwas neues kommen. Aber es ist noch nichts neues da. Daraus entsteht Einsamkeit.

GP: Ihr geht im Herbst auf Tour...

Peter: ... und sind schon ganz fleißig am Basteln. Auch das wird eine Spur anders werden. Wir arbeiten zur Zeit an einer aufwendigen Lichtshow und es wird einige Überraschungen geben. Gerade, was "Total eclipse" und "Amo vitam" betrifft. Und die "Schwarze Witwe".

AnNa: Es wird aber auch alte Titel geben. So etwa die Hälfte bekannte Lieder und die Hälfte Neues.

GP: Und wie geht es für Euch nach der Tour weiter?

AnNa: Ich denke mal, dann müssen wir alle Weihnachtseinkäufe machen (lacht). Dann werden wir vielleicht in den Urlaub fahren und dann mal weitersehen.

GP: Nun ja. In unserem Interview im März letzten Jahres meintest Du auch, Ihr werdet nach der "Zucker"-Tour erst mal ein Jahr Pause machen.

AnNa: Haben wir ja auch.

GP: Und nach drei Monaten kam schon die nächste Tour...

AnNa: Recht hast Du. Ich weiß auch nicht, wie das kommt, wir halten es einfach nicht lange ohne aus.

Peter: Es ist immer so, daß wir sagen, also nach dieser Tour machen wir erst mal Pause, aber dann klingelt das Telefon. Entweder rufe ich AnNa an oder sie mich und dann heißt es: Hast du nicht wieder Lust? Weil wir einfach unseren Beruf lieben. Es ist ja eigentlich auch kein Beruf, sondern es macht uns einfach nur wahnsinnigen Spaß.

Wir sind auch schon gespannt auf die Eissporthalle in Dresden. Das wird das größte Konzert auf unserer Tour.

AnNa: Genau. Weil wir euch Dresdner doch besonders lieb haben.

Peter: Das Konzert letztes Jahr in der Jungen Garde war auch das größte der damaligen Tour. Und das schönste unseres Lebens. Das war wirklich toll.

AnNa: Wegen des Regens. Das war furchtbar beeindruckend. Wir haben aber auch auf der Bühne viel abbekommen und ich bin mehrmals mit Wasserpistolen bespritzt worden. Und wir haben vier Zugaben gegeben...

GP: Danke für das Interview. Viel Spaß bei der Tour und viel Erfolg mit eurem neuen Album!

Rosenstolz on Tour

24.10.2000 Chemnitz, Kraftwerk
13.11.2000 Halle, Easy Schorre
14.11.2000 Cottbus, Stadthalle
15.11.2000 Dresden, Eissporthalle
21.11.2000 Leipzig, Haus Auensee

Verlosung

Nach knapp einem Jahr Pause gehen Rosenstolz in diesem Herbst wieder auf Tour. Aber warum warten, bis AnNa und Peter in die Stadt kommen?

Wir verlosen exklusiv an unsere Leser zweimal zwei Karten für die Tournee-Generalprobe, die Ende September in Berlin stattfindet. Schreibt eine Postkarte mit dem Kennwort "Kassengift" an: Gegenpol, Postfach 100 408, 01074 Dresden. Einsendeschluß ist der 10. September 2000 (Datum des Poststempels).

Wichtig: Bitte auf der Karte unbedingt Eure Telefonnummer angeben. Die Gewinner können nur telefonisch benachrichtigt werden.

Szene-Interview