Schlöndorffs "Die Stille nach dem Schuß"

Mehr als sieben Jahren bastelte Altmeister Volker Schlöndorff an "Die Stille nach dem Schuß", seiner ersten größeren Spielfilmproduktion nach längerer Abstinenz. Als im Jahr nach dem Mauerfall mehrere ehemalige Mitglieder der RAF im Osten verhaftet wurden und ans Tageslicht kam, daß sie mit Unterstützung der Staatssicherheit jahrelang in der DDR mit neuer Identität gelebt hatten, inspirierte dies Schlöndorff zu einem Film über die RAF-Aussteiger.

Filmszene: Die Stille nach dem Schuß Zusammen mit Drehbuchautor Wolfgang Kolhaase recherchierte er und führte Gespräche mit den Inhaftierten, unter anderem mit Inge Viett, deren Autobiographie 1996 erschien. Zu einer Zusammenarbeit kam es dann aber nicht, denn Viett distanzierte sich schon von der ersten Drehbuchfassung. Denn Schlöndorff hatte sich hauptsächlich an Inge Vietts Person orientiert und - unauthorisiert - Details ihrer Autobiographie verwendet.

Bei Schlöndorff trägt die Hauptfigur den Namen Rita Vogt (Bibiana Beglau). Der Film durchhechelt zunächst deren Leben im politischen Untergrund der 70er Jahre: Banküberfälle, eine wilde Flucht aus dem Knast, eine Liebesbeziehung mit Anführer Andi (Harald Schrott). Erste Kontakte mit dem DDR-Sicherheitsdienst erweisen sich später als wegweisend: Die der Verfolgung müde Rita nimmt das Angebot der Stasi an, in der DDR unterzutauchen.

Filmszene: Die Stille nach dem Schuß Sie fügt sich in den DDR-Alltag und hält dabei die ideologische Fahne weitaus höher als die BürgerInnen ihrer neuen Wahlheimat. Eine Beziehung, die Rita mit ihrer Kollegin Tatjana (Nadja Uhl) beginnt, muß sie abrupt beenden, als ihr Inkognito durchschaut wird. Es folgt eine neue Identität und eine neue Beziehung, diesmal mit einem Mann. Als die Mauer fällt, zieht sich die Schlinge zu: Die Stasi verrät ihre Schützlinge und Ritas Flucht endet im Kugelhagel an der deutsch-deutschen Grenze.

Schlußeinblendung: Alles ist so gewesen. Nichts war genau so. Ein nettes Stück Fiktion also? Aber mit Realitätsanspruch? Oder etwa Auslegungssache?

Mit leichter Hand hat Schlöndorff ein Stück gewichtiger deutscher Geschichte inszeniert, allerdings meist mit Stilmitteln der 70er Jahre, alles fließt sehr ruhig und distanziert. Gefühle kommen trotz starker Leinwandpräsenz der für diese Rolle auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichneten Hauptdarstellerinnen nicht auf. Filmszene: Die Stille nach dem Schuß Die lesbische Geschichte, die durchaus einiges Gewicht im Film hat, wird von der Figur der Tatjana sehr viel gefühlvoller und tiefgehender verkörpert als von Rita, die sich ambivalent verhält. Ambivalent ist der Film auch als Ganzes. Daß er trotzdem Spaß macht, hat er seinem soliden Handwerk und den überragenden Darstellerinnen zu verdanken.

Die Frage nach den Urheberrechten am Filmstoff ist übrigens noch immer ungeklärt. Derzeit verhandeln die Anwälte um eine außergerichtliche Einigung. Inge Viett steht Schlöndorffs Umsetzung der Thematik unverändert kritisch gegenüber.

Vielleicht hätte er doch besser einen Dokumentarfilm gedreht.

Anne-K. Jung

Alles ist so gewesen. Nichts war genau so.