Homosexualität der eigenen Kinder kann für viele Eltern zum Problem werden. GEGENPOL berichtete bereits in der Januar-Ausgabe über das Coming Out der Eltern. Wie sieht jedoch die Reaktion der Eltern aus, wenn sie erfahren, daß ihr Kind nicht nur homosexuell, sondern auch transident ist? Was geht in Eltern vor, wenn aus der Tochter ein Sohn wird oder umgekehrt? Die GEGENPOL-Redaktion erhielt zu diesem Thema folgenden Leserbrief von Frau K. (Name und Anschrift sind der Redaktion bekannt) und nahm das zum Anlaß für ein Interview.

Liebes GEGENPOL-Team,

seit einiger Zeit habe ich den Gegenpol abonniert. Nun las ich im Januar-Heft die beiden Artikel über Coming Out der Eltern und Gedanken einer Mutter. Ich fand beide in ihrer Art gut, vor allem den über die Eltern. Damit der Grund meines Schreibens klar wird, meine 25-jährige Tochter meinte, meine Erfahrungen zu diesem Thema wären gut weiterzugeben.

Wir haben zwei erwachsene Kinder. Unser 30-jähriger Sohn und sein Lebenspartner sind Frau zu Mann-Transsexuelle, also ein schwules Paar. Beide sind seit vier Jahren dabei, sich im Geschlecht zu verändern (Brustamputation und Vornamenänderung sind schon erfolgt).

Euer Artikel ist mir insofern aus der Seele geschrieben, daß zu wenig allgemeine Toleranz bzw. eine ungeheure Unkenntnis über das Thema bei der Verwandtschaft und den Bekannten besteht. Wenn man damit konfrontiert wird, ist doch ein natürlicher Wissensdrang da, mehr zu erfahren. Nein, aus reiner Dummheit und Angst, sich mit den anderen zu unterhalten, werden wir geschnitten bzw. wird das Thema bewußt totgeschwiegen. Es wird mokant gelächelt unter dem Motto: "Die waren schon immer ein bißchen verrückt". Angenehm und tolerant dagegen die Reaktion der Bekannten: ehemalige Lehrer, Pfarrer, Klavierlehrer, Hausarzt. Sie nehmen mein Coming Out als Mutter mit Interesse auf. Es wird seitdem alles verfolgt – kleine Fortschritte wie Bartwuchs und tiefe Stimme freudig begrüßt.

Zu ihrem Artikel zurück. Unser Familienproblem war nicht das Coming Out selbst, sondern der Selbstfindungsprozeß unseres Transidenten. Obwohl er weiter weg wohnt, hatten wir immer guten Kontakt. Plötzlich rissen Besuche, Briefe und Telefonate ab. Wir sorgten uns mit den üblichen Bedenken: Sekten, Drogen, Krankheit? Diese Zeit der Ungewißheit war scheußlich, obwohl uns unsere zweite Tochter tröstete. Beide Geschwister verstehen sich sehr gut (sie hat es auch eher gewußt). So waren wir einigermaßen beruhigt. Dann zog die langjährige Freundin unseres jetzigen Sohnes zu ihm wegen ihres Studiums. Nach geraumer Zeit outeten sie sich als lesbisch. Nun gut, das war fast zu erwarten bei dieser homogenen Gemeinschaft durch alle Schuljahre. Vor ca. 3 Jahren dann das Coming Out unseres Sohnes zuerst dem Vater gegenüber. Der war natürlich erschrocken, hatte aber die meisten Bedenken wegen der möglichen Diskriminierung und allgemeinen gesellschaftlichen Isolation. Außerdem war er trauriger, keinen Enkel zu haben, als ich. Durch einen guten homosexuellen Bekannten war ich einigermaßen darüber informiert, aber über Transidentität? Meine erste Reaktion und Empfindung war: "Gott sei Dank nichts schlimmes! Nun gut, dann haben wir eben einen Sohn". Hauptsache, mein Kind bleibt mir in alter Verbundenheit erhalten und er hat endlich sein seelisches Gleichgewicht wieder.

Nun hörte endlich das dumme Gefrage auf. "Wann heiratet ihre große Tochter? Hat sie schon Kinder?" Ich strahlte alle glücklich an und outete mich systematisch bei allen Verwandten und Bekannten, vor allem, um Flüstereien und Mutmaßungen zu vermeiden. Eigentlich bin ich sehr stolz auf meinen Sohn, der in der glücklichen Lage ist, die ganze Umarbeitung mit Courage und einem ganz lieben Partner zu bewältigen. Beim Besuch mit unserem Sohn in einer kuscheligen Szenekneipe fühlte man sich als Eltern aufgenommen, ich war glücklich. Die Enttäuschung keine Enkel zu bekommen, hat bei uns der Erkenntnis Platz gemacht, daß Deutschland ausgesprochen kinder- und jugendunfreundlich dasteht. Nun hoffen wir stark, daß die gleichgeschlechtliche Ehe mit allen Rechten und Pflichten für diese Paare möglich sein wird. Nicht, daß man als Mutter dem Partner des erwachsenen Sohnes eine Besuchs- und Auskunftsvollmacht für den im Krankenhaus liegenden Sohn schreiben muß, wenn er ins Krankenhaus geht.

Da wir, um es mit Humor zu sagen, alles äußerst gründlich erledigen, outete sich unsere jüngere Tochter vor einem Jahr als lesbisch. Unsere Reaktion war nicht anders, als bei unserem Sohn. Dazu kommt, daß meine Tochter und ich ein angeborenes Erbleiden haben – was in unserer Familie vorwiegend auf das zweitgeborene Kind vererbt wird. Vielleicht soll es eben so sein, daß diese Kette unterbrochen wird. So rücken wir wieder mehr zusammen – diskutieren ohne bitteren Beigeschmack, daß man sich in der Selbsterkennungsphase unserer Tochter irgendwie auseinandergelebt hat. Nun nehmen wir alle in der Familie es so, wie es ist, machen unsere Späße und sind irgendwie gelöster, zumal auch unsere Tochter seit einem halben Jahr eine ganz liebe Partnerin gefunden hat.

Zum Abschluß aber eine paar Bedenken, die wir wohl mit allen Angehörigen von homosexuellen Familienmitgliedern teilen – Angst vor Gewalt, Pöbelei, wenn sich zwei Lesben auf der Straße umärmeln, der Notwendigkeit des Totschweigens der Identität im Beruf. Ein Grund wird immer gefunden, um den "Homo" loszuwerden und das Team zu "säubern". Die fehlende Möglichkeit, vor Staat und Kirche ein Paar zu werden! Ich möchte so gerne etwas bewegen! Was können wir tun? Beim CSD mitwirken? Gibt es für ein in der Mobilität eingeschränktes Ehepaar Tätigkeiten? Vielleicht wißt ihr Eltern, die Probleme haben und dankbar wären, mit ebenfalls Betroffenen zu reden und Erfahrungen auszutauschen.

Wenn bei den Lesern Informationsbedarf besteht, wäre es schön, wenn sie sich an die Redaktion wenden könnten.

Wenn ihr im GEGENPOL noch mehr auf lesbische Probleme in Wort und Bild eingeht und etwas weniger Werbung bringt (ich weiß, man muß von etwas leben), seid ihr noch besser. Wir wünschen Euch weiterhin viel Erfolg,

Mit lieben Grüßen
(Brief von der Redaktion leicht gekürzt)

Coming Out einer Mutter