Sie schreiben, daß auf das Outing Ihre erste Reaktion war, daß Sie dachten "Gott sei Dank nichts schlimmes"?

Ich habe einen medizinischen Grundberuf. Der Sohn wohnt in Leipzig, wir haben engen Kontakt in der Familie. Schlimmes ist spontan für mich Krankheit oder Sekten oder das Abrutschen in die Isolation. Keine Arbeit, das war dann zwar auch der Fall, und das ist schlimm.

Hatten Sie in diesem Moment keine Angst vor Diskriminierung oder dem Gerede der Nachbarn, Freunde und Verwandten?

Ich nicht, aber mein Mann. Die Mutter beurteilt es mehr mit dem Herzen, der Vater hat es mehr rational, das heißt realistischer, gesehen. Wenn sie spontan sagen, "ich bin schwul oder eine Lesbe", dann zuckt jeder erst mal zusammen.

Hat Ihnen Fachliteratur geholfen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen?

Es hat mir etwas gegeben. Allerdings, gute Literatur ist sehr teuer. Ich habe dann auch GEGENPOL abonniert. Aus dem Internet hat mein Sohn auch viel herausgezogen. Auch beim BEFAH kann man sich informieren. Die haben mir ein ganz wunderbares Infopaket geschickt.

Was würden Sie anderen Eltern raten, wenn sich ihr Sohn oder ihre Tochter als transsexuell outen? Hilft es, mit den Kindern beispielsweise Szenekneipen zu besuchen?

Wenn er es sagt, ruhig bleiben und bedenken: "Du behältst dein Kind". Das Kind verändert sich nur äußerlich, aber es bleibt dein Kind. Was ganz wichtig ist, sie sollen daran denken, wie schwer das für das Kind ist. Für Eltern ist es doch schön, wenn die Kinder zu ihnen kommen und sich offenbaren.

Erst in zweiter Linie sollte man an das Gerede der Leute denken. Betroffene müssen und wollen zu den Eltern gehen, auch um ihnen die Schuld zu nehmen, damit sich die Eltern nicht fragen, was falsch war bei der Erziehung der Kinder.

Wie hat die Verwandtschaft reagiert?

Sie hat sich mit dem Transidenten in Verbindung gesetzt und Briefe geschrieben. Aber sie kann es noch nicht voll akzeptieren. Sie läßt Gespräche mit uns unter den Tisch fallen.

Haben sich Freunde und Bekannte von Ihnen abgewendet?

Nein, im Gegenteil. Freunde und Bekannte halten Kontakt, helfen und verfolgen den Prozeß der Umwandlung.

Wie sieht es mit Arbeit aus? Welche Probleme gab es für Ihren Sohn am Arbeitsplatz?

Nein, das heißt, er ist langzeitarbeitslos gewesen und hatte dann eine ABM-Stelle. Er hat seine Chefin eingeweiht und die hat das ganz positiv aufgenommen.

Wie gehen Ihrer Meinung nach Homosexuelle mit dem Thema Transidentität um? Erfahren Sie von diesen eher Unterstützung oder Ablehnung?

Da habe ich mich mit meinem Sohn beraten. Er hat in seinem Freundeskreis keine Probleme. Ein Freund von ihm hat erst einmal eine Weile gebraucht, aber an und für sich hat er keine Probleme. Das kann man aber nicht verallgemeinern. Dazu kenne ich noch zu wenig Leute in der Szene.

Was können Eltern tun, um sich und ihren Kindern den Umgang mit Transidentität zu erleichtern?

Sie sehr eng und innig begleiten. Kontakt halten, Gespräche und Besuche. Bei uns ist es ja der gute Fall, daß mein Sohn einen Partner hat. Eigentlich gibt es nur eines zu sagen: immer ein offenes Ohr haben.

Man sollte es den Eltern immer wieder sagen. Ihr müßt euch nicht verkriechen und vor allem Kontakt zu anderen Eltern suchen, die in der gleichen Situation sind. Auch wenn sie gefragt werden "Ist er oder sie schon verheiratet? Hat ihr Sohn oder ihre Tochter schon Kinder?", zu sagen: "Nein, mein Sohn bzw. meine Tochter hat einen Partner oder eine Partnerin". Was ich mir vorstellen könnte ist, daß die Frage, ob mein Kind einsam sein wird, viele Eltern bedrückt. Für mich ist das nicht problematisch, da mein Sohn einen Partner hat. Aber für andere Eltern könnte das ein Problem sein. Denn so einfach ist das alles nicht, vor allem der ganze Behördenkampf.

Vielen Dank für das Gespräch!

Elterngruppe?

Interessierte und/oder betroffene Eltern, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen wollen, auch um Erfahrungen mit anderen auszutauschen, können sich (bitte schriftlich) an die Gegenpol-Redaktion wenden (Die Adresse befindet sich im interner Link Impressum). Die Post wird dann an unsere Interview-Partnerin weitergeleitet. Vielleicht ergibt sich dann die Möglichkeit, gemeinsam eine Elterngruppe neu zu etablieren, die später anderen Eltern in ähnlicher Situation Rat und Hilfestellung geben kann.

die Red.

Coming Out einer Mutter - Interview