"Der Traum ist aus" über Ton, Steine, Scherben

Die letzte Schlacht gewinnen wir! Dachte man damals, als "Keine Macht für Niemand" durch Westberlins Straßen hallte und noch viele von der besseren, gerechteren Welt ohne die Schweine und Bonzen, ohne Kapitalismus und ohne Spießer träumten. Ton, Steine, Scherben waren und sind wahrscheinlich immer noch Deutschlands revolutionärste Rockband, deren Texte in vielen Radiosendern auch heute noch nicht laufen dürfen, fürchtet man doch um deren Aufwiegelungsgehalt. Getragen wurde die Band durch die charismatische Gestalt ihres Frontmanns Rio Reiser, dessen einzigartige Stimme und aggressive Poesie den Songs der Scherben Wut und Charme, Sanftheit und Aufbruchstimmung gleichermaßen verliehen. Christoph Schuchs Dokumentation bemüht sich gar nicht erst historisch, chronologisch oder gar informativ zu sein. Der Film ist genauso wie die Scherben: chaotisch, unvorhersehbar und wunderbar poetisch und emotional. Auch wenn mehr Fakten fehlen als geboten werden, wird die Stimmung der 70er- und 80er-Jahre in Berlin und Westdeutschland spürbar, die ehemaligen Träume stehen den Protagonisten des Films noch ins Gesicht geschrieben. Reisers Schwulsein wird nicht thematisiert, wurde aber auch nicht bewußt ausgelassen. Schlimmer ist da schon, daß man meinte, es gebe in Deutschland nur zwei Frauen, die Musik machen oder etwas zum Thema beizutragen haben (zumindest die Grünen-Vorsitzende und Ex-Scherben-Managerin Claudia Roth hätte man gerne gesehen). Zwischen den Aussagen und Rückblicken der ehemaligen Scherben-Familie kommen vor allem die "Erben der Scherben" zu Wort, Bands wie Das Department, Tocotronic, Die Sterne oder Neues Glas, die alte Songs der Scherben neu interpretiert haben. Da prallen Welten aufeinander, doch auch wenn viel Zeit vergangen ist, die Visionen der Ton, Steine, Scherben sind mitnichten abgenutzt. Das zeigt auch der Film in aller Deutlichkeit: Es gibt noch viel zu träumen. Zum Film erscheint ein Soundtrack mit Livemitschnitten aus Konzerten von Ton, Steine, Scherben sowie Coverversionen von Nina Hagen, Tocotronic, Das Department, Die Sterne u.a.

Manuela Kay

"Der Traum ist aus oder Die Erben der Scherben"
Regie: Christoph Schuch
mit: Funky K. Götzner, Nikel Pallat, Jakob Friederichs,
Jan Müller, Jörn Hedtke, Britta Neander u.a.
Deutschland, 92 Min.
Bundesstart: 9.8.
www.avanti-film.com

Nur geträumt?