Diva und Teufel

Warum erinnern wir uns so gern an die 80er Jahre? Weil es Marc Almond und Soft Cell gab. Die Hymne der Wave-Generation machte den Sänger mit den bizarren Tattoos zum Superstar. Marc Almond Die 90er meinten es allerdings nicht so gut mit dem frankophilen Briten, der dank seiner Drogen- und Alkoholsucht fast in der Gosse landete. Nach einem fehl geschlagenen Mordanschlag im Jahr 1993 entschied er sich für ein neues, suchtfreies Leben. Mitte Juni erscheint Marc Almonds 13. Album "Strange Things", im September kommt er auf Solo-Tournee nach Deutschland. Olaf Neumann sprach mit dem 42-jährigen Frontmann der just wiederbelebten Soft Cell.

Marc, deine Karriere ist immer ein ständiges Auf und Ab. Welche Auswirkungen hatte deine Homosexualität auf deine Laufbahn?

Mir persönlich ist es immer egal gewesen, was die Leute über mich gedacht haben. Ein Popstar oder Schauspieler bewegt sich doch in einer Art Fantasiewelt. Die Leute wollen diesen Traum. Warum soll man ihnen ihre Illusionen nehmen? Man kann seine Sexualität schließlich auch durch die Musik ausdrücken.

Ich kann mir vorstellen, daß du viele Briefe von jungen Schwulen bekommst. Kannst du ihnen helfen?

Marc Almond Man kann sich nicht für alle Probleme der Welt verantwortlich fühlen. Deshalb finde ich jene Briefe am schönsten, die beschreiben, daß meine Musik jemandem wirklich geholfen hat. Mir ging es ja genauso, als ich jung war: Da war etwas außerhalb meines Schlafzimmers, das ich nicht exakt beschreiben konnte. Und es gab Musiker wie David Bowie oder Marc Bolan, die mir durch die Nacht geholfen haben. Wer ernsthaft Hilfe sucht, sollte geeignete Personen aufsuchen. Ich bin kein Vorbild, dem man wirklich nacheifern sollte. Aber nehmt ruhig etwas von meiner Musik mit.

Lebst du in einer festen Beziehung?

Ich hatte eine sehr lange Beziehung. Jetzt bin ich zwar wieder ein freier Mann, aber an Promiskuität bin ich nicht mehr interessiert. Dazu habe ich weder Zeit noch Energie. Ein Engel bin ich aber auch nicht. Wenn sich ein One-Night-Stand ergibt, dann schütze ich mich ganz einfach.

Die Wiedervereinigung von Soft Cell kommt sehr überraschend. Dave Ball und du haben in den vergangenen 17 Jahren viele lukrative Tournee-Angebote abgelehnt. Seit zwei, drei Jahren schreiben wir an gemeinsamen Songs und haben festgestellt, daß diese kreative Chemie noch immer existiert. Die Entscheidung haben wir uns nicht leicht gemacht. Als wir kürzlich gefragt wurden, ob wir den neuen Londoner Club Ocean eröffnen wollen, sagten wir zu, denn der Laden ist ziemlich cool. Wir spielten eine Show mit alten und neuen Soft-Cell-Songs – keine Retro-Sache also. Da es großartig lief, entschieden wir uns für eine richtige Tournee, die Soft Cell im November auch nach Deutschland führen wird. Ein Studioalbum ist für 2002 geplant. Es hat mich selbst erstaunt, wie frisch unsere alten Songs noch klingen. Und die neuen hören sich an wie Soft-Cell-Klassiker. Wir wollen ganz bewußt nicht trendy klingen, wir sind ja nicht die Chemical Brothers. Sollten uns die Leute trotzdem nicht mögen, können wir es immer noch lassen.

Deine neue Platte klingt ziemlich hoffnungsvoll.

"Stranger Things" ist wohl das richtige Album zur richtigen Zeit. Nach 20 Jahren Plattenmachen hatte ich mich in so viele Richtungen entwickelt und fürchtete, mein Publikum könnte nur noch fragmentarisch existieren. Also habe ich versucht, alle diese verschiedenen Stile und Elemente in einer Platte unterzubringen. Ich denke, das ist mir ganz gut gelungen.

CD: Marc Almond – Strange Things (XIII Bis/Indigo)
VÖ: 18.6.2001
www.marcalmond.co.uk

Marc Almond