Gewalttätige Übergriffe im Cruisinggebiet

AYOR - das Kürzel steht im schwulen Reiseführer Spartacus hinter zahlreichen Cruisingareas. AYOR heißt "At Your Own Risk" (Auf eigene Gefahr) und weist darauf hin, daß der Aufenthalt in einem solchen Gebiet potentielle Gefahren für den Besucher bergen kann.

Dem Dresdner Cruisinggebiet in der Wallstraße/Webergasse sollte nun auch das Prädikat AYOR verliehen werden. Wiederholt kam es in den vergangenen Wochen zu gewalttätigen Angriffen auf sexsuchende Schwule. Cruiser wurden brutal zusammengeschlagen, so daß man eigentlich vor einem nächtlichen Ausflug in die Wallstraße warnen und dringend abraten muß.

Das Überfalltelefon von Gerede berichtet aber nicht nur über Übergriffe auf Cruiser. Besorgniserregend sei auch, daß es in letzter Zeit gehäuft zu rechtsmotivierten Gewalttätigkeiten gegenüber Schwulen und anderen Menschen in den Wohngegenden kommt. Nach Angaben der RAA, der Hilfe für Opfer rechter Gewalt, gelten nicht nur Orte in der Sächsischen Schweiz als gefährlich, auch die Dresdner Stadtteilen Cotta und Löbtau werden zunehmend zu Vierteln mit einem erhöhten Risiko.

Bei der Beratung beim Gerede e.V. meldeten sich mehrere Männer, die Gewalt erfahren mußten. Mit einem Betroffenen, der in der Wallstraße zusammengeschlagen wurde, haben wir uns über seine Erfahrungen unterhalten.

At your own Risk

Gegenpol: Kannst Du uns kurz schildern, was an dem Abend mit Dir passiert war.

Boris: Ich war an dem Donnerstag im August im Park an der Wallstraße. Es war mindestens noch ein weiterer Cruiser anwesend. Dann kamen zirka 8 Jugendliche in den Park, einer fragte mich nach einer Zigarette. Die sahen wie ganz normale Jugendliche aus, nicht wir Schlägertypen. Sie waren relativ jung. Einer leuchtete mir dann mit einer Taschenlampe ins Gesicht. Sie sagten, daß Schwuchteln hier nichts zu suchen hätten und wir abhauen sollten. Dann erhielt ich einen Schlag mitten ins Gesicht. Mit meinem Handy wollte ich, die Polizei zu rufen, aber die Schläger versuchten, mir das Telefon abzunehmen. Ich lag dann auf dem Boden, es hagelte Fußtritte und ich rief um Hilfe. Die Täter sind dann abgehauen, als jemand rief, daß die Polizei käme. Ich hatte mir zum Glück nur eine Kopfplatzwunde und einige blaue Flecken eingehandelt. Andere waren, wie ich hörte, schlimmer verletzt.

Gegenpol: Du hast Anzeige erstattet. Wie wurdest Du bei der Polizei behandelt?

Boris: Die Polizei war erst nach rund 20 Minuten nach dem Notruf vor Ort. Ich habe dann Anzeige erstattet, gegen Unbekannt. Auf dem Revier war alles sachlich. Es gab keine Probleme.

Gegenpol: Welche Konsequenz ziehst Du für Dich?

Boris: Also ich selbst würde nicht wieder dorthin gehen. Und nach allem was ich sonst so gehört habe, muß man eigentlich alle davor warnen. Vielleicht hätte ich auch vorsichtiger sein müssen, ich hatte ja schon vorher von anderen Übergriffen an der Wallstraße gehört. Ich bin trotzdem hingegangen, weil ich glaubte, daß es sich nur um Einzelfälle handelt. Möglicherweise gehen wir auch zu sorglos mit dem Risiko um. Wenn ich vorher genauer darüber nachgedacht hätte, wäre ich wohl gar nicht erst dahin gegangen.

Gegenpol: Du bist auch hinterher über die Hotline des Überfalltelefons zum Gerede e.V. gekommen. Welche Hilfe hast Du hier erhalten?

Boris: Bei Gerede habe ich Kontakt auch zu anderen Betroffenen bekommen. Man konnte Erfahrungen austauschen. Gerede hat dann auch die Opferberatung vermittelt, die ich noch aufsuchen werde.

Gegenpol: Was erwartest Du von der Polizei und der Gesellschaft?

Boris: Zur Zeit sind wohl vermehrt Polizeikontrollen geplant, weil auch die Polizei von den Übergriffen weiß. Aber trotzdem waren die Beamten erst nach 20 Minuten nach dem Notruf vor Ort. Da waren die Angreifer schon weg.

Insgesamt gibt es meiner Meinung auch in der Gesellschaft ein gesteigertes Risiko für Minderheiten, nicht nur für Schwule und Lesben. Ich sehe schon die Gefahr, daß es in wirtschaftlichen Krisenzeiten, wie jetzt eben auch wieder in Deutschland, die zur Zeit liberale Stimmung wieder umschlagen könnte. Die Politik scheint dem Trend nicht entgegensteuern zu können. Jeder muß halt mit einer gewissen Vorsicht und Aufmerksamkeit durchs Leben gehen.

(Der Name "Boris" ist frei erfunden.)

Eigenes Risiko?