August 2009

Ein Truck in Leipzig

Niemand darf diskriminiert werden, aber es steht auch niemand automatisch über jeder Kritik, nur weil er einer Minderheit angehört. Es stellt sich nämlich die Frage, warum sich auch in Sachsen ein Schwuler hauptsächlich als unterdrückte Minderheit betrachtet, während er als politikverdrossener bartloser Atheist über 18 wiederum gleich mehreren Mehrheiten angehört und der Wahrscheinlichkeit nach auch noch in einer Stadt mit über 100.000 Einwohnern in einer Mietwohnung irgendwo zwischen der ersten und sechsten Etage wohnt und seinem Chef am liebsten mal die Meinung sagen würde (- der übrigens Damenunterwäsche trägt). Politikverdrossen nicht zuletzt deswegen, weil die offen unverheiratete Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz, Schirmherrin des diesjährigen CSD, ihren mit Spannung erwarteten Auftritt beim Straßenfest kurzfristig doch noch abgesagt hat.

"Gleich und gleich gesellt sich gern", heißt es, dabei steht es aber jedem offen, ob man sich lieber mit "Leidensgenossen" als "anders" sehen möchte und gegen alles und jeden kämpft oder stattdessen das Verbindende mit seinen Mitmenschen hervorhebt, um auf der Grundlage von Gemeinsamkeiten auf konstruktivem Weg Veränderungen herbeizuführen, indem man Interesse an den Unterschieden weckt.

In den vergangenen beiden Monaten haben wir in Sachsen anlässlich der CSDs in Dresden und Leipzig zwei völlig verschiedene Herangehensweisen erlebt, für Homosexualität in der Öffentlichkeit Verständnis einzufordern, bzw. ein großes Volksfest auszurichten, bei dem auch alle willkommen waren, die - man darf es kaum aussprechen - mit dem jeweils anderen Geschlecht Sex haben. Letzteres war in der Landeshauptstadt der Fall, wo dreizehn Fahrzeuge und eine Bikerkolonne den Schwerpunkt auf Party legten und zu Schlager und Techno 3.000 Schaulustige mit sich zogen. Dem Dresdner CSD wird vorgeworfen, ihm sei die zentrale Botschaft egal und es ginge nur ums Feiern und die Würstchen an den Imbissbuden, während der Leipziger CSD vor allem für jene Pflichttermin sei, die keiner politischen Diskussion aus dem Weg gehen. Soweit die Klischees, in diesem Jahr konnte jedoch eine Annäherung beider Extreme beobachtet werden, die sich diesmal im anspruchsvollen Bühnenprogramm in Dresden sowie dem besonders kurzweiligen in Leipzig geäußert hat, was nicht zuletzt am Wetter lag, die meisten hatten nämlich keinen Schirm dabei.

Obwohl es sächsische CSD-Veranstaltungen außerhalb von Dresden erst seit 2003 gibt, hängt Leipzig die Messe-Latte immer höher und scheint nun bei der fünften Demo seit 2004 sogar mit einem eisernen Grundsatz gebrochen zu haben, wodurch sich die Teilnehmerzahl mit 2000 Demonstranten im Vergleich zum Vorjahr schlagartig verdoppelt hat - zum ersten Mal war nämlich ein Wagen dabei. Vielleicht sind es im nächsten Jahr schon zwei. Beide Paraden waren schön, gerade weil sie so verschieden sind und weil sich jeder aussuchen kann, was ihm beim CSD am wichtigsten ist.

Viel Spaß im August (oder im Detlef) wünscht Martin.

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